Kongress der Schulerneuerer

"Utopie verbrennt sich an Burn-out"

Unter diesem Titel erschien in der taz vom 8.10.2008 ein spannender Artikel über den Kongress „Treibhäuser & Co 2008 – Herausforderungen“: II. Kongress der Schulerneuerer, Lernaufwiegler und Bildungsreformer, der Anfang Oktober in Bregenz am Bodensee stattfand.

Etwa 1600 Leute diskutierten über Themen der Bildungspolitik.  An diesem Kongress trafen sich Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Praxis und Politik zum Thema „Bildungserneuerung“ wie der Neurobiologe Prof. M. Spitzer, Prof. G. Hüther, Prof. für Kinderheilkunde Remo Largo, Reformpädagoge Hartmut von Hentig, Choreograph Royston Maldoom, Bildungssenatorin und 2. Bürgermeisterin Hamburgs Christa Götsch . Experten aus dem Praxisfeld Frühe Jahre und Schule wie z.B. Alfred Hinz, Enja Riegel, Ulrike Kegler, Prof. Gerd Schäfer und der Filmproduzent (Treibhäuser der Zukunft / Kinder...) und Bildungsjournalist (ZEIT) Reinhard Kahl sowie 70 weitere Referenten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein gehörten zu den Teilnehmern. Der Kongress richtete sich gleichermaßen an Personen aus Praxis, Politik und Wissenschaft. 

Wie sieht das Lernen von morgen aus?

http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2008/10/08/a0152

Am Bodensee trifft sich die Avantgarde der Schulneudenker in vergrößerter Runde. Ein rauschendes Fest - mit Kater. Bedenkenträger haben sich unter die Helden von Lernen 2.0 gemischt, Missverständnisse werden sichtbar

AUS BREGENZ UND BAD KISSINGEN CHRISTIAN FÜLLER

Wir nannten ihn Streber. Einmal bauten wir uns um ihn herum auf. Er hatte seinen Ranzen auf. Dann trat einer so dagegen, dass sich eine Schnalle öffnete. Er drehte sich wutentbrannt dem Tretenden zu - und hatte schon den nächsten Kick auf dem Ranzen, der auch die zweite Schnalle öffnete.

Wir schämten uns. Aus Richard wurde etwas.

Nun feiern sie alle zusammen 25 Jahre Abitur. Er erzählt von seinen Kindern. Der Sohn, der der ältere ist, geht ins normale Gymnasium. Die Tochter ins verkürzte G 8, das den gleichen Stoff in acht statt in neun Jahren vermittelt.

Es ist keine schöne Geschichte. Man hat das Gefühl, dass auch Richards Sohn in die Rolle des Gehänselten schlüpft. Und derjenige, der ihn quält und bedroht, ist nicht etwa ein mobbender Mitschüler, nein, es ist die Schule selbst, die staatliche Schule.

Aber schauen wir zunächst in die andere Schule. In die freie, offene, die alternative Schule. In die schlaue Schule.

Er ist der Papst der Aufklärung über das Kleinkind. Remo Largo eröffnet den Reigen der Hauptvorträge auf dem Kongress der Schulneudenker am Bodensee, dem Kongress aller Bildungskongresse. 1.400 verrückte Leute sind aus Reformschulen und Unternehmen, aus Denkerstuben und Tänzerstudios, aus Hochschulen und Kindergärten nach Bregenz gekommen. Ein Hochamt der pragmatischen Reformpädagogik.

"Sie schaffen es einfach nicht", sagt Largo. "Sie können das Begreifen eines kleinen Kindes nicht künstlich beschleunigen." Der Kinderarzt spielt Filmsequenzen von Marie und Paul und Jenny. Zwei- bis dreijährige Kinder, die Bauklötze in die Höhe bauen oder farblich zueinander sortieren. Eines der Mädchen lässt einen wunderbaren Turm wachsen. Marie soll nun einen Zug bauen. Sie müsste dazu die gleichen Klötzchen nur flach in eine Reihe legen und dann auf den vordersten ein zweites darauf. Ein Kinderspiel. Nur ist Marie eine geniale Hochbaumeisterin - aber eben keine Zugkonstrukteurin. Alle Versuche, ihr das beizubringen, ignoriert Marie. Als der Vater ihr auf die Sprünge helfen will, wird sie böse. Sie wischt den Zug krachend vom Tisch.

Im Bregenzer Festspielhaus hört man jetzt "ah" und "oh". Kichern, Raunen, Beifall. Die Kongressteilnehmer sind begeistert. Mit wie einfachen Methoden man darstellen kann, dass Kinder am liebsten von ganz allein lernen. Sie haben einen inneren Trieb dazu. Sie sind erfinderisch und konzentriert. Aber sie verlieren die Lust, wenn man sie auf einen vorgeführten Pfad drängt.

Dafür sind die 1.400 Leute nach Bregenz gekommen. Dass der Kongresserfinder Reinhard Kahl sie mit den besten Schulneudenkern wie Largo zusammenbringt. Mögen überall draußen im Lande die Bildungszüge stillstehen - hier auf dem Treibhäuser-Kongress kann man sehen, wie das Lernen von morgen aussieht. Auch Kahl, der Filmemacher, lässt in seine Bühnenshow immer wieder solche Mikrolernerlebnisse einspielen. Sie muten wie erfunden an. Aber Kahl hat sie gefilmt, nicht erfunden.

Er beobachtet etwa den Lehrer Holger Butt, wie er inmitten seiner Schüler mit dem Fahrrad hinauf zur Zugspitze fährt - von Hamburg aus. Drei Wochen haben sie gebraucht. Jetzt sitzen sie im Zug zurück. "Wenn ich jetzt mal schlecht drauf bin, wenn ich etwas nicht schaffe", meint ein erschöpfter Junge und guckt in die Kamera. "Dann sage ich mir: Mann, ich bin von Hamburg bis auf die Zugspitze gefahren. Da kann ich noch ganz andere Sachen schaffen!"

Solche Szenen sind es, die Reinhard Kahl für die Zukunft archiviert. Archiv der Zukunft, heißt das Netzwerk, das den Kongress rund um den Bodensee veranstaltet.

"Archivare, sind das nicht diejenigen, die Verstaubtes und alte Papiere wegpacken?", mokiert sich Hartmut von Hentig. Der große alte Mann des guten Lernens ist im Gespräch mit Kahl auf der Bühne des Bregenzer Festspielhauses. Und spottet über den Titel des Kongresses "Treibhäuser & Co". "Denkt man da nicht an Tomaten und Dünger?", fragt Hentig. "Arg künstlich!" Reinhard Kahl ist ein witziger Moderator mit Hang zur feinen Lästerei. Da tut es gut, dass ein 80-Jähriger ihn mal auf die Schippe nimmt für seine nicht selten schwülstigen Formeln.

Vor einem Jahr fand der erste Treibhäuser-Kongress statt. In Hamburg waren es 460 Leute, die Avantgarde des neuen Lernens. Diesmal sind es 1.400, viele freuen sich, dass man sich verbreiten kann. Andere merken, wie schwierig das werden kann. Unmerklich haben sich Bedenkenträger und Nach-hinten-Gucker in die Menge gemischt. Im Fish-Bowl der Arbeitsgruppe Gymnasium lässt sich etwa ein Herr nieder von der Marke "Ich stell mich erst mal vor". 35 Jahre ist er Gymnasiallehrer, dann freiwillig ausgeschieden, und er vergisst nicht, seine guten Absichten und seine tiefe Verachtung für dies und das zu schildern. Die Blicke wandern zur Decke, auf die Finger, auf die Schuhspitzen. Fragt er eigentlich noch mal was?

Im Saal Panorama hat die Zukunft Platz genommen. Ulli Klotz aus der Denkerstube der IG Metall schildert, wie sich das Web 2.0 und seine fundamentale Veränderung der Arbeits- und Unternehmenssphären auf Lernen 2.0 auswirken wird. In Zeiten der Schwarmintelligenz von Open-Source-Plattformen können geteilte Produkte "mit kommerziellen Produkten mithalten - oder sind deutlich besser." Klotz nennt das Betriebssystem Linux und den Firefox-Browser. Er wählt, um den Zuhörern nicht zu weit vorauszueilen, auch ein Beispiel aus der Old Economy, den neuen Fiat 500, der aus den Designvorschlägen von 250.000 Mitdenkern seine Attraktivität sog. "Wir müssen uns von der Idee lösen, mit Fleiß und Ausdauer auf einen grünen Zweig zu kommen", sagt Klotz. Die neuen Tugenden der nachindustriellen Produktion heißen Kreativität, Emotion, Wissen und Erfahrung. "Alles, was wir heute noch lernen - Fehler bestrafen, sich anpassen et cetera - können wir nicht mehr brauchen", entwirft er eine neue Arbeitswelt.

Jetzt wäre die Schwarmintelligenz der Arbeitsgruppe Lernen 2.0 gefragt. Aber es dringen fast nur oberlehrerhafte Einwender durch. "Ich mache mir Sorgen", äußert der erste. "Ich weiß nicht, wie ich den Computer sinnvoll einsetzen soll", der nächste. "Was kann man dagegen tun", fordert schließlich einer - geradeso, als ließe sich eine sozioökonomische Umwälzung kurzerhand verbieten. Der Kahl-Kongress kann auch anders - ernüchtern.

Wenn man so will, ist der zweite Treibhäuser-Kongress ein Stück Praxistest für die schlauen Schulen und ihre Protagonisten. Sie haben sich im Festspielhaus verschanzt. In ausgewählten Arbeitsgruppen kommt es dennoch zur Feindberührung. Avantgarde meets Beamtenlaufbahn. Utopie verbrennt sich an Burn-out. Beschwingte Dreadlock-Väter begegnen Eltern, die bis an die Zähne mit Lernen 1900 bewaffnet sind. Über die Flure streicht eine ehemalige Schulministerin, um Zweifel zu säen. "Man muss die Eltern mitnehmen", flötet sie. Wohl wissend, dass die Eltern, die Freikorps der pädagogischen Reaktion, wild entschlossen sind, jede sich bietende Stunde Freiarbeit mit Noten zu beschießen.

Ein Grüppchen flieht mit dem Boot über den Bodensee in die gleichnamige Schule St. Martin. Hier sind die Reformer unter sich - hofft man. Es geht um das Kerngeschäft des individuellen Unterrichtens, das selbständige Lernen der Schüler in Freiarbeits- oder Wochenplanstunden. Auch hier sind Friktionen unübersehbar. "Freiarbeit ist hier nicht frei", rutscht es dem neuen Lehrer an der Bodenseeschule heraus. "Ich schreib das denen auch vor. Und bei mir gilt das Prinzip Mathe-Deutsch-Mathe." Plötzlich bekommt das blitzsaubere Klassenzimmer eine neue Anmutung. Eben noch wirkten die Regale wie ein Paradies des offenen Lernens, die Kisten und Karteien, die ringsherum stehen, als ein unerschöpflicher Pool der Neugier. Nun fahnden Reformer verzweifelt in den Karteien. "Schreibe die Übung sauber ab", heißt es am Ende fast jeder Karte. "Das ist ja gruselig", sagt eine Lehrerin. "Hier steht nichts zum Entdecken!"

Später, auf dem Podium, treten Übersetzungsschwierigkeiten auf. Das individuelle Lernen halten sie alle hoch. Welf Jagenlauf von der Reformschule Winterhude und sein Hamburger Kollege Tim Hagener von der Max-Brauer-Schule genauso wie Tina Reimann von der Montessori-Schule in Potsdam und Walter Baumann von der Bodenseeschule. Aber im Detail heißt und geht das immer anders. Bei den Brauers arbeiten sie in den Lernbüros individuell. In Winterhude in KuBa, den kulturellen Basistechniken, die obendrein jahrgangsübergreifend sind. An der Montessori-Schule sagt man Freiarbeit, an der Bodensee Freie Stillarbeit.

Auch die Materialien, mit denen der Lehrer das Lernen der Kinder beobachtet, steuert und dokumentiert, sind immer andere. Die Freiheitsgrade unterscheiden sich enorm. Zum Maßstab wird Stefanie und das Bruchrechnen. Wann merken die Reformschulen, ob Stefanie das Spiel mit Zähler und Nenner drauf hat? Sofort, das ist Baumann wichtig. Wir sehen das auch, sagt Welf Jagenlauf lässig. "Aber man muss es aushalten können, wenn Stefanie mal drei Monate kein Bruchrechnen macht!" Das ist der Preis der Freiheit. Davon distanziert sich Walter Baumann sachte: "Wir hier sind eine ,Kinder-an-die-Hand-nehm-Schule' ".

Aber geht es denn überhaupt anders als individuell? Nein, niemals. Remo Largo steht da wie ein Fels. Er zeigt den Treibhausgärtnern die Unterschiede, die zwischen ganz normalen Kindern auftreten. Zwei gleichaltrige Schüler können um 50 Zentimeter oder den Faktor 1,4 in der Größe differieren; sie unterscheiden sich um sieben Jahre oder den Faktor 1,77 in der Lernentwicklung; und um 5.800 Wörter oder den Faktor 5,8 im Wortschatz. "Auch wenn sie ein Superschulsystem wie in Finnland haben", sagt er, "sie kriegen diese Vielfalt nicht weg!" Aber nicht nur zwischen den Kindern, auch in den Kindern ist alles anders. Largo führt Joachim vor, keinen leibhaftigen Probanden, sondern nur die statistischen Ausprägungen seiner Intelligenz. Die mathematische Säule wächst beinahe in den Himmel, ein kleines Rechengenie ist Joachim, aber sozial ist er nur kümmerlich begabt. In sozialer Hinsicht passt Joachim wohl am ehesten in die Sonderschule - und mathematisch bald an die Universität. "Nein, sie können das nicht über Schultypen machen", widerspricht Largo der Theorie von den reinrassigen Haupt-, Real- und Oberschülern. "Das Problem lässt sich nur pädagogisch lösen." Das heißt: Der Unterricht muss so individuell sein, dass er eine große Spannweite überdecken kann. Die Lerngeschwindigkeiten müssen freigegeben werden. Das Einsortieren in angeblich homogene Schulformen hingegen lehnt Largo ab. Weil es die einen langweilt - und die anderen hoffnungslos überfordert. "Sie müssen sich das mal vorstellen, was Gleichschritt für ein Kind bedeutet, das zwei Jahre in der Lernentwicklung zurück ist. Das ist der Albtraum. Das zerstört sein Selbstwertgefühl völlig."

Richard hat vieles versucht. Sein Sohn hatte drei Fünfen im Halbjahreszeugnis. Sitzenbleiben, das bewährte gymnasiale Rezept, wäre eine Katastrophe. Weil die neunte Klasse, die sein Sohn im Rücken hat, eine G-8-Klasse ist. "Er hätte zwei Jahre zurück gemusst." Zwei Jahre sitzenbleiben auf einen Schlag - der neueste Irrsinn der staatlichen Pauk- und Lehrplanschule. "Ich habe sogar einen unserer alten Lehrer angerufen", erzählt Richard beim Abitreffen, "ich brauchte seinen Rat!" Weiter, immer weiter, riet der, bloß nicht hängen bleiben! Nachhilfe, Durchhalten! Sonst überrollt ihn der G-8-Express.

Früher traten sie dem Streber gegen den Ranzen. Jetzt gucken sie in die Augen eines ratlosen Vaters. Und fragen sich: Wie beschissen darf Schule eigentlich noch werden?

taz vom 08.10.2008 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung